Weihnachten 2006...
worüber ich heute schreiben möchte hat einen ganz aktuellen Anlass. Man kann sich jetzt sicher fragen: "Weihnachten? Aktuell? Bis dahin sinds doch noch ein paar Monate?..." Stimmt genau. Und trotzdem scheint das Thema so brandaktuell zu sein, dass ich mich gestern in einer Filiale einer sehr bekannten und weit verbreiteten Supermarktkette fast vor Freude überschlagen habe.
Wir mussten gestern ganz harmlos noch eine Packung Kaffee kaufen und sind zum erwähnten Supermarkt gefahren. Ich möchte die Situation mal so beschreiben: etwas über 20°C, Cabrio offen, die Haare und die Nase im angenehm warmen Fahrtwind, die Füsse in Flip Flops und nur mit T-Shirt und ¾ Hose bekleidet. Ein richtig schöner Spätsommertag. Zwar "spät" aber immer noch "Sommer". Bis zur Ankunft hatte ich auch noch das Gefühl im Sommer zu sein. Nur dann, beim betreten der Filiale, merkte ich plötzlich schlagartig, dass der Sommer anscheinend schon längst vorbei ist und mein "Ausschlafen" wohl ein paar Monate länger gedauert haben musste als ich gedacht hatte. Und während ich mir schon versuchte auszurechnen, wie ich meinem Chef die Fehlzeit erklären sollte schaute ich kurz auf das Display meines Handys und erschrak gleich wieder: es war immer noch der 23. September 2006.
Also hatte ich gar nicht verschlafen und es war wirklich wahr. Mir war das noch nie passiert, aber ich stand wirklich und leibhaftig in ¾ Hosen und FlipFlops vor Adventskalendern und Spekulatius.
Nach dieser etwas lang geratenen Einleitung (das müsst ihr verstehen, ich nehme mir das Thema wirklich zu Herzen) muss ich aber nun fragen: Was ist Weihnachten jetzt noch in unserer Gesellschaft? Ich vermute, dass Weihnachten in den nächsten Jahren, wenn die Industrie so weiter macht wie bisher, zu einem ähnlich absurden Gebilde wie der Sommer- und Winterschlussverkauf wird. Jedesmal wenn die zwei stattfinden frage ich mich nämlich auch wie sowas sein kann. Ich persönlich habe nämlich meistens keine Lust im Winter durch Schnee in ein Einkaufcenter zu gehen und meine Hose für den Sommer wieder im Schnee nach Hause zu bringen. Deswegen erwische ich nämlich immer mitten im Sommer die tollen Sommerhosen für 10 €, weil ich nämlich meistens dann Lust bekomme mir eine neue Sommerhose zu kaufen, wenn ich in meinen Jeans schwitzend in der Frühlingssonne stehe.
Und wie wird das, wenn ich das jetzt auf Weihnachten projitziere? Dann wird die Situation wohl ähnlich aussehen und ich stehe zwei Wochen vor Heilig Abend im Supermarkt um einen Schokoladenweihnachtsmann zu kaufen und die Verkäuferin sagt mir: "Tut mir leid, aber die haben wir nach dem Weihnachtsschlussverkauf Anfang Dezember aus den Regalen genommen. Ich kann Ihnen aber gerne zeigen, wo die Schokoladen Osterhasen stehen.".
Eine Frage drängt sich mir dann immer auf: Was ist Weihnachten überhaupt noch? Ich würde gerne einmal ausprobieren, was passiert wenn ich Weihnachten abschaffe, weil es mit dem ehemaligen Gedanken schon lange nichts mehr zu tun hat. Aber ich vermute das einzige Ergebnis wird sein, dass ich anschließend dafür verantwortlich gemacht werde, dass die gerade wieder angesprungene Konjunktur aufgrund von fehlenden Weihnachtseinkäufen wieder zusammenbricht. Ist ne spitzen Sache.
Dabei ist der Gedanke, der irgendwann einmal (wann das wahr weiss ich nicht genau weil geboren war ich da noch nicht) hinter dem ganzen gesteckt hat doch nicht der, möglichst viel zu kaufen und sich gegenseitig zu beschenken, sondern der, dass die Familie näher zusammen rückt und miteinander feiert, dass Christus geboren ist.
Vor einigen Jahren ist etwas einschneidendes passiert. In einer Fernsehreportage wurde darüber berichtet, worum es an Weihnachten geht. Dazu wurden in der Sendung Menschen auf dem "Weihnachtsmarkt" (Wie die zwei Worte zusammen passen werde ich niemals begreifen) gefragt, was an Weihnachten gefeiert wurde. Ein Mann in einem Weihnachtsmannkostüm lächelte in die Kamera und antwortete überlegen: "Ist doch klar: Den Tot und die Auferstehung Christus!".
"Christus??? Was hat der denn mit Weihnachten zu tun?" Das Entsetzen macht sich breit. Wo ist denn der Weihnachtsmann hin? Nun, wer an Weihnachten in die Kirche rennt, weil man das hat so macht und weil es so Sitte ist, der wird sich sicherlich eventuell noch an die Lieder erinnern, die von einem kleinen blonden Kind erzählen, dass in einem Stall zu Welt gekommen ist und ein paar Hirten und Engel kommen darin auch noch vor.
Ich gehe mittlerweile nicht mehr in die Kirche an Weihnachten und wenn, dann nur um die Gefühle derer nicht zu verletzen, denen das Christliche Weihnachten etwas bedeutet. Denn selbst was dort zum Thema Weihnachten erzählt wird ist sowas von fern von dem, was ich irgendwann einmal in Religion über das Thema gelernt habe, dass es fast lächerlich wirkt. Doch was wäre, wenn die Kirche die Wahrheit über Weihnachten erzählen würde, ohne die ganzen Verschönerungen, die die Gesellschaft irgendwann einmal dazu gedichtet hat? Dann würde niemand mehr in die Kirche gehen, denn wer will sich schon die Festtagsstimmung mit langweiligem theologischem Geschwafel verderben?
Das Ende vom Lied ist nur eins: Weihnachten ist nicht mehr Weihnachten! Und genau deshalb sollte es einen Namen wie "Jahresabschluss-wir-beschenken-uns-gegenseitig-Fest" erhalten. Aber der ist viel zu lang und die Weihnachtsbaum Industrie wäre auch dagegen, glaube ich. Denn wie soll man einen Baum mit einem Jahresabschlussfest verbinden? Das war schon bei Weihnachten schwer genug, den heidnischen Brauch der Geistervertreibung ins Bild der Christlichen Krippe einzuschmuggeln.
Was genau ist also in meinen Augen übrig geblieben ausser ein paar Adventskalender mitten im Sommer? Es ist ein hochkompliziertes "Wem muss ich was schenken und in welchem Wert und wem muss ich alles schreiben"-Ding daraus geworden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen immer häufiger beim Beschenken anderer Geldwerte ausmachen, damit es gerecht zugeht und keiner zu kurz kommt. Aber das kann es doch irgendwie auch nicht sein, oder? Dann schlage ich etwas anderes vor: Jeder schreibt zu Weihnachten einen Wunschzettel und legt dann einen Geldwert fest, den er übrig hat. Und dann kauft er sich von seinem Wunschzettel einfach alles das, was von seinem Geld möglich ist und am Ende hat jeder genau das, was er sich gewünscht hat, ohne seinen Verwandten vorheucheln zu müssen, dass das Paar Socken oder der Schlips genau das ist, was er sich gewünscht hat. Damit wäre der Gedanke Weihnachten bis zur absoluten perversion ausgereizt und alle sind glücklich.
Deshalb glaube ich wirklich, dass ich dieses Jahr einen Gedanken durchsetze, den ich schon sehr sehr lange hege: Ich halte mich aus dem ganzen Weihnachts-Ding raus und verteile Kärtchen auf denen steht, dass man mir nichts schenken braucht, weil ich auch nichts verschenke. Auf der Rückseite dieser Kärtchen könnte die Weihnachtsgeschichte stehen. Mit einer kleinen Erläuterung über die Geschichte des Weihnachtsfestes. "Von 0 bis 2006 - Wie hat sich Weihnachten verändert". Ja, ich glaube das ist ein gute Idee...
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